Gedanken zu Beratungsthemen

7. Aug, 2022

«Der Mensch weiss viel mehr, als er versteht!» Alfred Adler

Die Sommerpause hat im Blog-Alltag länger gedauert als geplant, dafür habe ich heute keine individualpsychologischen Theorien, sondern etwas aus dem realen Leben, also aus meinem realen psychischen Leben. In vorgängigen Blogs habe ich euch die Entstehung unseres Lebensstils Konstrukts aufgezeigt und das jeder Mensch sein individuelles Konstrukt gebildet hat und danach lebt. Dies funktioniert bei den meisten einwandfrei und ohne Probleme, aber es gibt Situationen, wo wir wie in einen Strudel der Gefühle geraten. Dann geht plötzlich alles schnell, scheinbar unkontrolliert, emotional und energierauben von Statten. Oft haben wir danach ein irritierendes Gefühl von: «Was war das den jetzt gerade!».

In der Individualpsychologie ist dies ein Lebensstiltanz, das ist, wenn sich der Lebensstil sich komplett matcht mit der aktuellen Situation oder einer anderen Person. Die Situation oder die andere Person mit ihrem Lebensstil fügen sich in mein Lebenskonstrukt ein, wie Zahnräder in einem Motor und der Ablauf ist von Anfang bis zum Schluss quasi vorgegeben und spult sich ab. Genau das ist mir in den letzten Wochen gleich mehrmals passiert. Obwohl ich von diesem Lebensstiltanz gut Kenntnis habe, ich meine Lebensstile in der Ausbildung mehrfach erforscht habe und ich an meiner Gefühlslage einen beginnenden Lebensstiltanz erkennen kann, lasse ich mich doch immer wieder von der Welt «überfallen» und erkenne erst in einer späteren Betrachtung und Selbstreflexion meinen «roten Knopf», der als Auslöser für diesen Tanz aktiviert wurde.

Ich möchte euch zwei Situationen erzählen, die, wie wunder, gerade meine zwei bereits preisgegebenen Lebensstilideen betreffen😊. In einem Vorgängigen Blog habe ich diese euch bereits aufgezeigt. Nachfolgend diese nochmals zum Nachlesen inklusive meinem «roten Knopf» (Lebensstile nach H. Mosak).

«Ich hasse Routine und suche Abwechslung, Spannung, Abenteuer. Ich könnte (bin!) ein Spieler sein. Wenn das Leben monoton wird, scheue ich oft keine Mühe (Ausbildungen, Geld, Zeitaufwand), damit wieder etwas los ist. Ich brauche andere Menschen; besonders halte ich mich an solche, die für mich interessant sind, und von denen ich Spannung und Action erwarten kann.»

«Ich möchte mein Leben unter Kontrolle haben. Dem gegenüber bewege ich mich lieber in geistigen Bereichen (ich denke über vieles nach). Ich halte auf Ordnung. Von mir fordere ich, dass ich das Rechte tue, und ich stelle so hohe Erwartungen an mich, wie kein anderer. Etwas besser komme ich mir schon vor, wenn ich sehe, womit sich die anderen begnügen.»

Kurzgeschichte aus dem Leben: «Da muss doch Stimmung rein!»

Beruflich hat sich in meinem Leben in diesem Jahr einiges verändert. Ich habe mich entschlossen einfach ins Blaue zu kündigen und mich neu zu strukturieren. Nach meinem letzten Arbeitstag als Angestellte gönnte ich mir bewusst eine Zeit Ruhe, um all die bestehenden «Stimmen» in mir zu hören und bewusst wahr zu nehmen. Ich gönnte mir viel Zeit für mich, Musse und Genuss. Doch schon bald meldete sich in mir meine «Spielerlust», also einer meiner Lebensstile. In Kombination mit meinem vorgängigen und aktuellen monotonen Leben eher eine explosive Kombination. Die Ideen für mein beruflicher Werdegang begannen zu sprudeln, Vorschläge für Aufgaben wurden mir auf verschiedenen Wegen zugetragen, ob bewusst oder unbewusst. Meine begeisterte Abenteuerlust begann die Aufgaben zu sammeln wie reife Früchte. Das in mir steckende Organisationstalent sah immer Wege alles unter einen, also meinen Hut zu stecken. Und so kam es, dass ich plötzlich 6 verschiedene Jobs hatte. Es war, beziehungsweise ist wahnsinnig spannend und lehrreich, aber auch kräfte- und zeitraubend. Ich mache jeden dieser Jobs auf ihre Art gerne, da sie sehr unterschiedlich und auch verschieden anspruchsvoll sind. Aber mein Lebensstil hat mich da wirklich wieder in einen intensiven Lebensstiltanz mit meiner Lebensaufgabe Beruf hineinmanövriert. Der zündende Punkt war die Monotonie. Aus früheren Selbstreflexionen kenne ich, dass die Monotonie mich immer wieder auf solche Lebensstiltänze eingeladen hat, und teils eben sehr energieraubenden, aber natürlich auch spannenden Lebensstiltänzen. In Zukunft gilt für mich jetzt wieder die Work-Life-Balance ins Gleichgewicht bringen, trotz mehreren Jobs und den Drang nach Abenteuer, Spannung und Abwechslung, damit ich weiterhin gesund bleibe.

Und hier zum zweiten Erlebnis:

Kurzgeschichte aus dem Leben: «Verantwortung, anders geht’s gar nicht!»

In einem meiner vielen Jobs😊 werden neuem Mitarbeiter gesucht, daher begleitete mich eine Person bei der Arbeit, um in den Betrieb und unseren Ablauf zu schauen. Schon nach kurzer Zeit fühlte ich mich sehr irritiert von der Person, die mich begleitet. Die Antworten auf meine interessierten Fragen wurden widersprüchlich bezüglich des Könnens, der Ausbildung und die berufliche Erfahrung beantwortet. Daher entschied ich mich für eine direkte Frage bezüglich der Ausbildung und der Berufserfahrung und da kam der «rote Knopf»: «Ich kann und mache dies alles bereits bei meinen Kunden, habe aber die Ausbildung dazu nicht. Meine Verwandten finden, ich mache dies gut, Kunden habe ich bis dahin noch nicht gehabt.» Ja, was jetzt?!? Im weiteren Gespräch zeigte sich auch, dass von der Person her auch kein Verständnis für eine nötige Ausbildung dafür bestehe, da die Skills ja bereits vorhanden seien. Daraufhin regte sich mein Gefühlsmotor und um kein Unrecht zu begehen, hinterfragte ich mehrmals diese Aussagen und Einstellungen. Diese ist das pure Gegenteil von meinen Ansichten auf «Recht und Ordnung» und eben Verantwortung gegenüber mir und meinen Kunden, wenn kommerzielle Dienstleistung angeboten wird. Meine Gefühlslage schnellte sehr schnell auf Empörung, Ärger und Genervtheit empor, leider wurden dadurch meine Fragen und Offenheit, gegenüber der Person, nicht rationaler und sachlicher. Das Fazit ist, wir wurden nicht Freunde und ich konnte mir eine Zusammenarbeit überhaupt nicht vorstellen. Zum Glück für mich und mein Gefühlsleben, entschied mein dortiger Arbeitgeber sich, unabhängig von meiner Meinung, gegen eine Anstellung, so wird mir mein «roter Knopf» nicht tagtäglich vor Augen geführt. Dies Kurze Zeit von 1.5 Stunden waren schon sehr energieraubend für mich. Für mich war es aber wieder einmal eindrücklich, wie schnell und direkt meine wunden Punkte gedrückt und was für eine Energie, auch wenn sie negativ ist, da freigesetzt wird. Je bewusster mir dieser «rote Knopf» wird, je eher erkenne ich ihn und kann mich dann frei entscheiden, ob er auch ausgelöst werden kann. Aber tja, manchmal macht’s halt das Leben einfach😊.

Wie Alfred Adler in seinem Zitat äussert, ich kenne meine wunden Punkte, ich bin mir diese sehr bewusst. Und doch verstehe ich nicht, wie ich immer wieder darauf hereinfalle. Wie der Motor immer wieder in Sekunden auf Hochtouren auffahren kann und nur mit Mühe wieder abgekühlt wird. Kennst du auch solche Situationen, solche Lebensstiltänze? Hast du den «roten Knopf», also das «darf ich bitten?» schon gefunden? Denn nur wenn du den Auslöser kennst, kannst du dein Leben etwas leichter machen und evtl. nicht immer darauf einsteigen.

In diesem Sinn: viel Spass beim Nachdenken.

liebi Grüessli Evelyn

 

 

 

15. Jun, 2022

„Wenn du wissen willst, was du willst, dann schaue was du tust und was das Ergebnis davon ist!“

Alfred Adler

Bevor ich dich in die tiefen psychologischen Abgründe meines Seelenlebens mitnehmen, gibt es noch einige wissenswerte und spannende Konzepte der Individualpsychologie. Ein elementares Konzept ist die Annahme, aus welchen Beweggründen wir uns überhaupt bewegen, ob physisch oder geistig. Im Zeitalter des genetischen Denkens (S. Blogverlauf) lag der Fokus auf der Kausalität, also Ursachen-, sowie problem- und vergangenheitsbezogen. Also weil meine Mutter mir ihre „charakterlichen Gene“ vererbt hat, bin ich auch so geworden. Wie ich schon erwähnte, findet sich so immer einen Schuldigen (im Beispiel meine Mutter) und eine Veränderung der Situation ist bereits im Denken unglaublich schwierig (Wie sollte ich es mit dieser Voraussetzung/Genen je anders schaffen).

Durch die neue Hypothese von Alfred Adler, dass wir zum grössten Teil durch Prägung und unsere eigene kreative Auswahl uns entwickeln, eröffnet sich eine neue Denkweise: das Wozu. Alle unser physischen und psychischen Bewegungen benötigen Energie und all diese Energie wird aufgewendet, um ein Ziel zu erreichen. Wenn ich den Arm anhebe, ist das Ziel mich zu kratzen am Kopf usw., einfach so hebe ich den Arm nicht an. Alfred Adler definierte, dass alle Bewegungen zielgerichtet sind, also final ausgerichtet, wie auch zukunfts- und lösungsorientiert. Dieses für jeden Menschen individuelle und aus seiner Sicht notwendige und sinnvolle Ziel muss nicht immer dem gesunden Menschenverstand entspringen, noch für andere klar und verständlich sein. Für diese Zielgerichtetheit wenden wir sehr, sehr viel Energie auf, jede physische oder geistige Handlung bringt uns einen Vorteil, ein Ergebnis.

Wir Menschen haben Bedürfnisse, wie Hunger, Durst, Schlaf, Nähe zu anderen Menschen usw. Wenn eines dieser Bedürfnisse nicht gedeckt ist, dann kommt unser Körper in Bewegung und wendet Energie auf für diese Lücke zu schließen. Habe ich Durst, gehe ich los und fülle mir ein Glas Wasser und trinke, möchte ich Aufmerksamkeit, suche ich mir einen bekannten Menschen und erzähle ihm etwas über mich usw. Dies sind alles bewusste und klare Bedürfnisse und somit auch klare Handlungen. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, ist eines der grundlegendsten Bedürfnisse einen Platz unter Menschen zu haben, dazu zu gehören zu einer Familie, Gruppe, Gemeinschaft und Menschheit. Alfred Adler benannte dies das Bedürfnis nach Gemeinschaftsgefühl.

Oft „verpuffen“ wir aber auch scheinbar nutzlos Energie mit von Aussen sinnlosen Handlungen. Zum Beispiel fahre ich auf der Autobahn auf der linken Spur, ich bin am Überholen von einem rechtsfahrenden Auto. Dicht hinter mir ist ein anderes Auto, sehr dicht hinter mir, dieser drängelt mich auf die Seite zu fahren. Was könnten meine Handlungen sein? Ich könnte abbremsen und Platz machen, oder schneller fahren und schneller überholen, oder einfach stoisch mein „Ding“ durchziehen, tja, je nachdem wie ich mein Lebenskonstrukt aufgebaut habe. Bis jetzt habe ich offizielle noch keine vermehrte Energie verbraucht, aber jetzt geht’s los in meinem Kopf, die Gedanken kommen in Bewegung: „hui, der hats aber eilig.“, oder: „Nur weil du einen Mercedes hast, kommst du hier nicht vorbei!“, oder: „Ich kann nicht schneller fahren, sonst riskiere ich eine Buse.“. All diese Aussagen haben zum Ziel die Welt in meinen Augen wieder zurecht zu drücken, denn ich wurde von einer anderen Person „angegriffen“ in meiner Person. Drängeln ist eine respektlose Handlung und verdrängt mich aus der erarbeiteten Position in der Gesellschaft. Das Gedankenkarussell frisst sehr viel Energie und zum Ziel hat es mein Lebenskonstrukt, den Lebensstil aus meiner Kindheit, zu bestätigen. Ist eines meiner Ziele immer zu gewinnen, wird wohl der Mercedes nicht schneller fahren dürfen. Ist einer meiner Lebensstile so, dass ich andere nicht behindern darf, nehme ich mich zurück und schere wieder auf rechts ein. Bin ich sehr korrekt und Ordnungseinhaltend, gibt es keinen Grund die Regeln zu brechen oder habe ich nicht das Recht etwas zu können bin ich wahrscheinlich gar nicht auf der Autobahn.

Die Handlungen führen immer zu einem Ziel, dieses muss aber keineswegs rational sein, sondern entsteht wiederum aus dem in der Kindheit geformten Lebensstilkonstrukt, also im Denken wie alle sein sollten. Die Aussage von Alfred Adler: „Wenn du wissen willst, was du willst, dann schaue was du tust und was das Ergebnis davon ist!“, ist unglaublich praktikabel. Immer wenn du eine energieraubende Situation erlebst, kannst du dir diese Frage selbst stellen und erfährst viel über deine Beweggründe. Also was ist das Ergebnis und Wozu habe ich dieses Ergebnis hergestellt. Je ehrlicher und offener du mit dir selbst umgehst, je eher kannst du die Erkenntnisse selbst finden. Es gibt aber auch Situationen, wo diese Selbstreflexion nicht funktioniert, da der Lebensstil eben nicht entschlüsselt werden will, sondern in vollen Zügen gelebt. Bei diesen Situationen benötigst du zur Lösung Hilfe, quasi ein drittes Auge. Dies könnte ich dir in einer Beratung gerne anbieten.

Weitere praktische Tipps und Informationen gibt es in meinem nächsten MUTig-leicht Blog

Viel Spass beim Nachdenken, liebi Grüessli Evelyn

2. Jun, 2022

„Es kommt nicht darauf an, was einer mitbringt, sondern was er daraus macht!“ Alfred Adler

Wie du im letzten Blog erfahren hast, nimmt jedes Kind schon in frühen Jahren seine Umwelt mit allen Sinnen war. Es beobachtet, schaut und hört zu, es fühlt die Gefühle die dabei entstehen, fühlt Schmerz, Enttäuschung, Trauer oder Freude, Leichtigkeit, Mut, usw. Durch diese willkürlichen und sehr unterschiedlichen Erlebnisse bildet sich das Kind seine einzigartige Meinung über sich und sein Umfeld. Mit kindlichen Eindrücken werden diese Situationen bewertet und auf Wiederholungen geprüft. Daher die Aussage Adlers: es kommt nicht darauf an, was jemand mitbringt (Gene, Herkunft und Erlebnisse), sondern was er daraus macht, also welche Schlüsse/Meinungen das Kind daraus zieht. Unser Charakter, also Lebensstil, wird im zarten Alter von ca. 4-8 Jahren gebildet und natürlich auch mit den damaligen kognitiven Fähigkeiten. Unterschieden wird vor allem in die Meinungen über sich selbst, also wie ich sein sollte, wie ich mich verhalten und denken sollte, was ich darf oder nicht darf. Mit dieser gebildeten Meinung über mich, entsteht eine sich wiederholendes Verhaltensmuster, welches mein Lebensstil immer wieder zu bestätigen sucht. Aber ich bilde mir auch eine Meinung über die anderen, wie diese alle sind, wie sie sich verhalten und denken sollen, was sie dürfen und nicht dürfen. Bei der Meinung über die anderen werden noch unterschiedliche Rollen definiert, die grössten Unterschiede bilden Mann und Frau, aber auch Alter wird definiert, was dürfen ältere Personen, was dürfen Männer, was dürfen Frauen, was dürfen Jüngere oder eben nicht, usw. Jedes Kind stellt sich seine eigenen Meinungen und somit seine eigenen Verhaltensmuster aufgrund seiner erlebten Auswahlmöglichkeiten selbst zusammen, es übt diese an sich und seinen Mitmenschen und prüft, ob sein Verhalten seine Meinung über sich und die anderen immer wieder bestätigt. Entsteht dadurch irgendwie ein positives Gefühl, wird dieses Verhalten wie in Stein gemeisselt. Unreflektiert leben wir noch heute nach den kindlichen Meinungen und Lebensstilen und bestätigen diese immer wieder mit unseren erlernten Verhaltensmustern. Sind diese positiv Zielführend für uns, meistern wir die Anforderungen des Lebens problemlos. Ist der Lebensstil aber eher negativ formuliert, geraten wir immer mehr in anstrengende und energieraubende Situationen oder befinden uns sogar in ernsten Schwierigkeiten mit den Anforderungen des Lebens.

H. Mosak hat sich in den 70er Jahren mit der Typisierung von Lebensstilen auseinandergesetzt, diese wurden im Buch „Das Leben selbst gestalten" von Theo Schoenaker (RDI-Verlag 2006) abgebildet:

1. Ich stelle gerne die anderen Menschen in meinen Dienst, wobei ich mich aktiv oder passiv verhalten kann. Um dieses Ziel zu erreichen, kann ich andere einschüchtern, charmant, launisch oder auch schüchtern sein. Ich sehe das Leben oft als ungerecht an, da es mir häufig versagt, was ich für mein gutes Recht halte. Ich bin eigentlich nie richtig zufrieden.

2. Ich bin fast ständig in Bewegung und habe dabei das Gefühl, ich müsse mich beeilen, um all' das zu Ende zu bringen, was ich noch tun sollte. Ich bin so gewissenhaft und meinen Zielen so hingegeben, dass ich mir nur selten Ruhe und Muße gönnen kann. Ich spüre dabei jedoch so etwas wie eine Angst, ich könnte ein Versager sein, und die übersteigerte Aktivität könnte vielleicht ein Mittel sein, um diese Angst zu überdecken.

3. Ich möchte mein Leben unter Kontrolle haben. Überraschungen schätze ich im Allgemeinen nicht. Auch spontane Reaktionen suche ich möglichst zu vermeiden, und ich zeige auch nicht gerne meine Gefühle, da sie meine Selbstkontrolle beeinträchtigen könnten. Dem gegenüber bewege ich mich lieber in geistigen Bereichen. Ich halte auf Ordnung. Von mir fordere ich, dass ich das Rechte tue, und ich stelle so hohe Erwartungen an mich, wie kein anderer. Etwas besser komme ich mir schon vor, wenn ich sehe, womit sich die anderen begnügen.

4. Ich muss Recht haben und Recht behalten. Auf diese Weise kann ich mich über die anderen stellen. Richtig und falsch sind für mich die eigentlichen Kriterien. Für Unklarheiten und Ziellosigkeit habe ich kein Verständnis. Es ist für mich wichtig, möglichst wenig Fehler zu machen. Werden mir aber trotzdem Fehler nachgewiesen, suche ich mich zu verteidigen, indem ich auf die Fehler der anderen hinweise.

5. Ich funktioniere am besten, wenn ich mich überlegen fühle, und meide gerne Situationen, in denen ich nicht im Mittelpunkt oder vorne stehen kann. Um mich in solchen Fällen von den anderen fernhalten zu können, vergrabe ich mich auch schon mal für längere Zeit in ein Hobby oder tue etwas, was eigentlich nichts bringt. Wenn ich nicht unter den Ersten oder Besten sein kann, bin ich unter den Letzten oder Schlechtesten, oder ich mache überhaupt nicht mehr mit.

6. Es ist für mich ganz wichtig, dass mich alle mögen. Schon wenn einzelne mich ablehnen, fühle ich mich irritiert und gestört. Ich reagiere auf Kritik besonders empfindlich und halte es für eine Niederlage, wenn ich irgendwo keine Zustimmung finde. Ich versuche zu spüren, was anderen Menschen gefallen könnte und ändere schon mal meine Meinung, wenn ich damit mehr Zustimmung finde. Ich sehe meinen Wert abhängig von den Wertschätzungen der anderen.

7. Ich will ein guter Mensch sein und stelle an mich höhere moralische Maßstäbe, als es die anderen bei sich tun. Manchmal sind die Maßstäbe sogar übermenschlich hoch, wenn ich einen Fehler für völlig unverzeihlich halte. Meine überhöhten Maßstäbe können mir das Gefühl geben, den anderen moralisch überlegen zu sein. Andere Menschen fühlen sich so durch mich öfter entmutigt.

8. Anforderungen des Lebens gegenüber bin ich häufig negativ eingestellt. Ich weiß besser wogegen ich bin, als wofür. Ich kann dabei meine Ablehnung offen zeigen; ich kann sie aber auch zum Ausdruck bringen, indem ich mich passiv verhalte und die Wünsche und Forderungen der anderen überhöre oder umgehe.

9. Ich bin ein Pechvogel. Mit mir würde wirklich niemand tauschen. Anscheinend bin ich etwas Besonderes. Ich bin schon zu bedauern, aber da kann man eben nichts machen. Was ich schon alles an Unglücksfällen hatte und wie oft ich nur so eben noch daran vorbeigekommen bin! Ich hätte tatsächlich oft mehr Mitgefühl verdient!

10. Ich leide ähnlich wie der Pechvogel, aber ich leide für ein hohes Ziel (Sache oder Prinzip). Ich empfinde mich manchmal als ein Opfer all' des Unrechts, das es um mich herum gibt. Märtyrer könnten sich so gefühlt haben. Manchmal demonstriere ich mein Leiden vor einem gleichgültigen Publikum.

11. Ich finde meinen Platz im Leben durch Charme und Witz. Oft sind die anderen damit ganz leicht dazu zu bewegen, das zu tun, was mir nützlich ist. (Vielleicht bin ich das Nesthäkchen der Familie gewesen. Vielleicht ist meine Stimme hoch und erinnert in Rhythmus und Klang an die eines Kindes).

12. Nichts gelingt mir richtig gut. Ich habe zwei linke Hände und ich bin unbeholfen. Deshalb beschränke ich mich, wenn irgend möglich, auf das, wobei ich Erfolg habe. Verantwortung kann mich so sehr belasten, dass ich gerade dann besonders versage. Andere nehmen mir vieles ab, da es ihnen ja leichter fällt. Ich fühle mich wirklich weniger fähig als die anderen und ihnen unterlegen.

13. Ich hatte meine Gefühle und spontanen Reaktionen zurück. Ich fürchte, dass ich sonst die Situation vielleicht nicht mehr kontrollieren könnte. Wer weiß, was dann daraus wird! Ich verlasse mich lieber auf meinen Verstand. Probleme sind eben nur mit Vernunft zu lösen. Ich schätze den Intellekt, die Logik und eine vernünftige - nicht gefühlsbestimmte - Sprache. Für Gemeinschaft habe ich nicht sehr viel Sinn.

14. Ich hasse Routine und suche Abwechslung, Spannung, Abenteuer. Ich könnte ein Spieler sein. Wenn das Leben monoton wird, scheue ich oft keine Mühe, damit wieder etwas los ist. Ich brauche andere Menschen; besonders halte ich mich an solche, die für mich interessant sind, und von denen ich Spannung und Action erwarten kann. Manchmal ziehe ich mich auch von anderen Menschen zurück und suche Aufregung in einem Buch oder im Film, auch in Träumereien oder erotischen Phantasien.

Ich bin sicher, du hast dich in einem oder mehreren oder auch nur Teilen der Definitionen wieder erkannt. Je offener und ehrlicher du mit dir selbst bist, je besser erkennst du deine Stolpersteine des Lebens und natürlich auch dein Entwicklungspotenzial. Evtl. sind dir auch gegensätzliche Teile aufgefallen, wie mir. Ich erkenne mich stark im dritten Abschnitt wieder, besonders diese Sätze: «Ich möchte mein Leben unter Kontrolle haben. Dem gegenüber bewege ich mich lieber in geistigen Bereichen (ich denke über vieles nach). Ich halte auf Ordnung. Von mir fordere ich, dass ich das Rechte tue, und ich stelle so hohe Erwartungen an mich, wie kein anderer. Etwas besser komme ich mir schon vor, wenn ich sehe, womit sich die anderen begnügen.» Im Gegensatz dazu steht dann der Abschnitt 14: «Ich hasse Routine und suche Abwechslung, Spannung, Abenteuer. Ich könnte (bin!) ein Spieler sein. Wenn das Leben monoton wird, scheue ich oft keine Mühe (Ausbildungen, Geld, Zeitaufwand), damit wieder etwas los ist. Ich brauche andere Menschen; besonders halte ich mich an solche, die für mich interessant sind, und von denen ich Spannung und Action erwarten kann.» Wie ich diese beiden konträren Meinungen immer wieder unter einen Hut bringe, frage ich mich oft selber, aber es hat den Anschein, dass ich das kann, 😊. Natürlich habe ich noch weitere Übereinstimmungen mit anderen Lebensstilsätzen die Mosak definierte.

Mehr dazu gibt es in meinem nächsten MUTig-leicht Blog

Viel Spass beim Nachdenken, liebi Grüessli Evelyn

24. Mai, 2022

«Jesus sprach: Glaube versetzt Berge, euch wird nichts unmöglich sein.» Matthaeus 17,20

Aus dem Munde von Jesus klingt dies so einfach und natürlich mit den Hintergründen der Geschichte Jesu auch verständlich und nachvollziehbar, aber ich, kann ich das auch?

 

Wir alle haben viele Gene von unseren Eltern bei der Zeugung erhalten, von beiden Seiten. Lange konzentrierte sich die Genforschung sehr konzentriert auf deren Inhalt, Auswirkungen und sogar deren Veränderungen. Die These, dass wir, also unser Körper, Geist und Seele schon bei der Geburt genetisch vorbestimmt sind, hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert. Aber bereits um 1920 entstand eine neue These von einem der drei Tiefenpsychologen, von Alfred Adler. Er stellte mit der Individualpsychologie eine ganz neue Hypothese auf und zwar, dass der Mensch und sein Charakter nur aus einem kleinen Teil genetisch vorbestimmt ist, sondern durch erlernte Prägung durch erleben seiner Umwelt seinen Charakter, seine Person in den Kindheitsjahren bildet.

Die Gene geben uns Haar- und Augenfarbe mit, oder andere physische Begebenheiten, Krankheiten oder andere Anomalien. Sicher auch einen Teil der psychischen Komponenten sind genetisch hinterlegt, jedoch weit mehr wir vom ersten Tag an durch erleben und beobachten der Umwelt, deren Interpretation und der individuellen Bildung von Meinungen wie Ich, das Leben oder die andern sein sollen, erlernt. Neugeborene, Säuglinge und Kinder beobachten ihre Umwelt, vorzüglich zuerst die Mutter, etwas später den Vater und später auch das weiter Umfeld. Wie ein unbeschriebenes Blatt Papier (s. Bild) besteht ihr Gehirn nur aus einzelnen aktuell lebenswichtigen Nervenbahnen. Mit jeder Minute, mit jeder Aktion nimmt der Säugling seine Umwelt wahr, zuerst mit dem ältesten aller Sinne, dem Geruchsinn. Dieser Sinn ist auch der einzige Sinn, der direkt ohne «Umschaltung» ins Gehirn und in das Riechzentrum gelangt. Gleich anschliessend folgt auch der Tast- und Geschmacksinn. Mit einigen Tagen verspätet wird auch der Seh-, wie auch Hörsinn differenzierter ausgebildet. Mit allen Sinnen nimmt das Neugeborene seine Umwelt und auch die Menschen darin wahr. Natürliche Mechanismen, wie Reflexe lösen Reizäusserungen (z.B. Schreien) aus und erfordern Reaktionen durch die Umwelt (z.B. Mutter nimmt Säugling auf den Arm). All diese Aussenreize und Reaktionen werden beobachtet, unbewusst abgespeichert im Gehirn und auf die Gefühlsauslösung «wohltuend» oder «unangenehm» beurteilt. Nebst den physikalischen Weiterentwicklungen wird so das Gehirn komplett aufgebaut, entwickelt und das Kind lernt durch Interaktion mit seiner Umwelt. Sich immer wiederholende Situationsabläufe und Gefühlsauslösungen erhalten vermehrt Aufmerksamkeit und werden stärker im Gehirn verankert. Situationsabläufe mit «wohltuendem» Endgefühl werden vermehrt versucht herbeizuführen, hingegen die «unangenehmen» Gefühle werden schon früh durch Meiden versucht zu verhindern. So lernt und versucht sich das Kleinkind in seiner sozialen Umgebung zurecht zu finden, einen Platz zu sichern und Verhaltensweisen zu erproben.

Die ersten Lebensjahre sind daher elementar wichtig, hier entstehen auf einfachstem Weg unsere Gedanken im Kopf. Wir erleben viele verschiedene Situationen mit der Mutter, Vater, Geschwister, Grosseltern und andere Bezugspersonen. Je mehr wir verschiedene Menschen früh kennen lernen dürfen, je grösser wird das Repertoire an verhalten, wo wir auslesen können. Ja, genau, wir entscheiden uns selbst, natürlich unbewusst, für ein bestimmtes Verhalten und Denken. Dies gibt uns eine unermesslich grosse Freiheit und Selbstbestimmung, dass auch immer kombiniert ist mit Eigenverantwortung und zeigt, dass wirklich jede Person sich einzigartig entwickelt. Was nicht genetisch in Stein gemeisselt ist, sondern über die Zeit erlernt, kann auch wieder verändert werden. Prägung hat den grossen Vorteil, dass durch Training ein Verhalten und Denken verändert werden kann. Somit hat sich jeder von uns seine eigene Meinung von sich selbst, der Welt und den Mitmenschen individuell in seiner Kindheit gebildet und lebt diese Sicht Tag täglich in seinen sozialen Beziehungen.

Alfred Adler hat diese Meinungen «Lebensstil» genannt, denn nach diesen Denkmustern gestalten wir nicht nur unsere Beziehungen, sondern sogar unser ganzes Leben.

Im nächsten Blog «Lebensstil» werde ich genauer auf diese entstandene Lebenskonstruktionen eingehen.

Viel Spass beim Nachdenken

liebi Grüessli Evelyn

13. Mai, 2022

Wir kennen verschiedene Grenzen, z. B. Landesgrenzen, Gemeindegrenzen, Leistungsgrenzen, Zaungrenzen, Baumgrenzen, usw.

Wir sind umgeben von Grenzen, selbstgemachte, wie auch fremdbestimmte Grenzen.

Aber auch wir selber setzen uns Grenzen, sehr viele oft auch unbewusst. Genau diese hindern uns unsere ganzen Möglichkeiten auszunutzen.

Die Gedanken in unserem Kopf sagen uns immer ganz leise, was wir angeblich können, sollen oder dürfen. Leider ist es Realität, dass bei den meisten Menschen genau diese Gedanken uns unsere Grenzen unseres Könnens ziemlich straff setzen. Sie sagen uns „Du kannst dies nicht, also lass es“, „du darfst das nicht machen, was denken die anderen“ oder „du sollst dies nicht machen, man darf das nicht“ und noch viel mehr.

Kommen Ihnen diese Sätze auch bekannt vor?

Dann setzen sie sich auch unbewusst Grenzen, denn wir sind dieser „inneren Stimme“ sehr hörig. Wir glauben ihr blind. Sie sagt uns dies täglich, evtl. sogar stündlich.

Würden wir diesen Sätzen entgegentreten und bewusst mit „stimmt das?“ hinterfragen, würden wir oft nicht auf das gleiche Ergebnis kommen.

Die inneren Grenzen können so gesprengt und Situationen bewusst im Jetzt realistisch geprüft werden.

Hören Sie sich einmal beim „Denken“ zu, notieren sie sich evtl. ihre gedachten Sätze und hinterfragen sie diese Bewusst.

Wir haben die freie Entscheidung von Grenzen zu Grenzen - los!