24. Mai, 2022

Gedanken/Grenzen in meinem Kopf - Genetik oder Prägung?

«Jesus sprach: Glaube versetzt Berge, euch wird nichts unmöglich sein.» Matthaeus 17,20

Aus dem Munde von Jesus klingt dies so einfach und natürlich mit den Hintergründen der Geschichte Jesu auch verständlich und nachvollziehbar, aber ich, kann ich das auch?

 

Wir alle haben viele Gene von unseren Eltern bei der Zeugung erhalten, von beiden Seiten. Lange konzentrierte sich die Genforschung sehr konzentriert auf deren Inhalt, Auswirkungen und sogar deren Veränderungen. Die These, dass wir, also unser Körper, Geist und Seele schon bei der Geburt genetisch vorbestimmt sind, hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert. Aber bereits um 1920 entstand eine neue These von einem der drei Tiefenpsychologen, von Alfred Adler. Er stellte mit der Individualpsychologie eine ganz neue Hypothese auf und zwar, dass der Mensch und sein Charakter nur aus einem kleinen Teil genetisch vorbestimmt ist, sondern durch erlernte Prägung durch erleben seiner Umwelt seinen Charakter, seine Person in den Kindheitsjahren bildet.

Die Gene geben uns Haar- und Augenfarbe mit, oder andere physische Begebenheiten, Krankheiten oder andere Anomalien. Sicher auch einen Teil der psychischen Komponenten sind genetisch hinterlegt, jedoch weit mehr wir vom ersten Tag an durch erleben und beobachten der Umwelt, deren Interpretation und der individuellen Bildung von Meinungen wie Ich, das Leben oder die andern sein sollen, erlernt. Neugeborene, Säuglinge und Kinder beobachten ihre Umwelt, vorzüglich zuerst die Mutter, etwas später den Vater und später auch das weiter Umfeld. Wie ein unbeschriebenes Blatt Papier (s. Bild) besteht ihr Gehirn nur aus einzelnen aktuell lebenswichtigen Nervenbahnen. Mit jeder Minute, mit jeder Aktion nimmt der Säugling seine Umwelt wahr, zuerst mit dem ältesten aller Sinne, dem Geruchsinn. Dieser Sinn ist auch der einzige Sinn, der direkt ohne «Umschaltung» ins Gehirn und in das Riechzentrum gelangt. Gleich anschliessend folgt auch der Tast- und Geschmacksinn. Mit einigen Tagen verspätet wird auch der Seh-, wie auch Hörsinn differenzierter ausgebildet. Mit allen Sinnen nimmt das Neugeborene seine Umwelt und auch die Menschen darin wahr. Natürliche Mechanismen, wie Reflexe lösen Reizäusserungen (z.B. Schreien) aus und erfordern Reaktionen durch die Umwelt (z.B. Mutter nimmt Säugling auf den Arm). All diese Aussenreize und Reaktionen werden beobachtet, unbewusst abgespeichert im Gehirn und auf die Gefühlsauslösung «wohltuend» oder «unangenehm» beurteilt. Nebst den physikalischen Weiterentwicklungen wird so das Gehirn komplett aufgebaut, entwickelt und das Kind lernt durch Interaktion mit seiner Umwelt. Sich immer wiederholende Situationsabläufe und Gefühlsauslösungen erhalten vermehrt Aufmerksamkeit und werden stärker im Gehirn verankert. Situationsabläufe mit «wohltuendem» Endgefühl werden vermehrt versucht herbeizuführen, hingegen die «unangenehmen» Gefühle werden schon früh durch Meiden versucht zu verhindern. So lernt und versucht sich das Kleinkind in seiner sozialen Umgebung zurecht zu finden, einen Platz zu sichern und Verhaltensweisen zu erproben.

Die ersten Lebensjahre sind daher elementar wichtig, hier entstehen auf einfachstem Weg unsere Gedanken im Kopf. Wir erleben viele verschiedene Situationen mit der Mutter, Vater, Geschwister, Grosseltern und andere Bezugspersonen. Je mehr wir verschiedene Menschen früh kennen lernen dürfen, je grösser wird das Repertoire an verhalten, wo wir auslesen können. Ja, genau, wir entscheiden uns selbst, natürlich unbewusst, für ein bestimmtes Verhalten und Denken. Dies gibt uns eine unermesslich grosse Freiheit und Selbstbestimmung, dass auch immer kombiniert ist mit Eigenverantwortung und zeigt, dass wirklich jede Person sich einzigartig entwickelt. Was nicht genetisch in Stein gemeisselt ist, sondern über die Zeit erlernt, kann auch wieder verändert werden. Prägung hat den grossen Vorteil, dass durch Training ein Verhalten und Denken verändert werden kann. Somit hat sich jeder von uns seine eigene Meinung von sich selbst, der Welt und den Mitmenschen individuell in seiner Kindheit gebildet und lebt diese Sicht Tag täglich in seinen sozialen Beziehungen.

Alfred Adler hat diese Meinungen «Lebensstil» genannt, denn nach diesen Denkmustern gestalten wir nicht nur unsere Beziehungen, sondern sogar unser ganzes Leben.

Im nächsten Blog «Lebensstil» werde ich genauer auf diese entstandene Lebenskonstruktionen eingehen.

Viel Spass beim Nachdenken

liebi Grüessli Evelyn